Sonntag, 30. November 2014

Perspektive

Oder die Geschichte eines kopflosen Mannes


Im Herzen Hamburgs findet man zwischen kalten Glas- und Betonfassaden, Bürogebäuden und edlen Einkaufspassagen das Gängeviertel, das sich so gar nicht in die glatte Umgebung einfügen möchte. Es ist ein rauer, bewegter Ort - nicht perfekt, aber lebendig! Wenn man aus den Fenstern dieser Häuser schaut, blickt man in eine andere Welt. Unmöglich kann das, was du siehst, die gegenüberliegenden Straßenseite sein, so groß sind die Kontraste. Zwei Welten, die parallel existieren, ohne das sich jemand die Mühe macht die Straße zu überqueren.


Ich stehe inmitten in einer Baustelle, bin staubig und erschöpft, trete ans Fenster und betrachte die hell erleuchteten Büros auf der anderen Seite. Vor unzähligen Computern sitzen Menschen, die gebannt auf die Bildschirme starren. Um einen großen Tisch mit stattlichen Sesseln sitzen Menschen und debattieren. In einem kleinen Raum trinken zwei Leute Kaffee. Einer verabschiedet sich und geht durchs Treppenhaus und einen langen Flur entlang in ein anderes Büro, wo er sich direkt wieder vor einen Bildschirm setzt und beginnt zu tippen. Woanders telefoniert eine Frau und jemand blättert durch einen Aktenordner. Keiner der Menschen die ich erblicke schaut aus dem Fenster. Dann bleibt mein Blick an einem Büro hängen, dort steht neben dem Schreibtisch, direkt vor dem Fenster, ein kleiner Baum. An dem Schreibtisch hockt, über eine Tastatur gebeugt, ein kopfloser Mann. Anstelle seines Kopfes sehe ich die Kronen des kleinen Baumes, der hinter den Fensterkreuzen des Büros eingesperrt wirkt.


Dieses Bild hat sich fest in mein Gehirn eingebrannt. Es ist eine Metapher für ein Thema, das mich im Moment sehr beschäftigt - meine Zukunft. Im Sommer habe ich das Abitur gemacht und nun bin ich auf der berühmten Suche nach mir selbst. Da es mir eher unwahrscheinlich scheint, mich selbst in Australien zu finden, bin ich aus der Großstadt in ein Dorf in den hohen Norden Deutschlands gezogen, wo ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege absolviere. Vor dem Studium wollte ich praktisch arbeiten, am liebsten ein Handwerk lernen. Und jetzt bin ich hier, habe verlernt, wie es geht still zu sitzen und vergessen, was ich mal werden wollte. Ich liebe den Moment und fliehe vor der Zukunft, weil sie mich in ein solches Büro treiben könnte. Wird aus mir irgendwann auch ein kopfloser Mensch, der versucht das letzte bisschen Natürlichkeit zu bewahren und in sein Büro zu sperren?


Wenn der kopflose Mann am Ende eines langen Arbeitstages seinen Computer herunterfährt, den kleinen Baum gießt, seinen Mantel anzieht, das Licht ausschaltet und einen Blick auf die Häuser auf der anderen Straßenseite wirft, was er dann wohl denkt?

Kommentare:

  1. Ich möchte dir gerne folgen! Weiß nur nicht wie =(

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    1. Hallo! Es ist nun möglich meinem Blog auf verschiedenen Wegen zu folgen. Die Möglichkeiten findest du unten auf der Seite . :)

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  2. Oh, das freut mich sehr! Du kannst mich zu deiner Blogger Leseliste hinzufügen, das ist glaube ich die einfachste Variante. So verfahre ich zumindest immer mit den Blogs, von denen ich gerne mehr lesen möchte. Was glaube ich auch geht, ist meinem Blog über externe Seiten zu folgen. Da kenne ich bisher allerdings nur Bloglovin, wo ich zwar keinen Account habe, aber weiß, dass mein Blog dort zu finden ist. Ich hoffe eine dieser Möglichkeiten hilft dir, ansonsten melde dich nochmal. :)
    Ich schaue mich in der Zwischenzeit mal ein bisschen um, was es noch für Möglichkeiten gibt meinem Blog zu folgen, weil ich mich damit zugegebener Maßen noch gar nicht beschäftigt habe. Vielen Dank auf jeden Fall für deinen Kommentar! Ich werde sehen wie ich das verbessern kann.

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