Samstag, 3. Mai 2014

Kapitel 2

Bei Nacht


Dieses Kapitel ist der dunkelsten aller Zeiten gewidmet – der Nacht. Mit dem Untergang der Sonne verschwindet das Licht und die Wärme und es wird kalt und dunkel.
 

Ganz langsam wird es immer dunkler und dunkler und mit der Dunkelheit kommt die Angst. Langsam kriecht sie an mir herauf, legt sich sich um mich, wie ein undurchsichtiger Schleier. Immer enger wickelt sie sich um mich, immer fester wird sie und je dunkler es wird, desto mehr hält sie mich fest.

Die Nacht macht uns schwach und verletzbar. Sie zeigt uns unsere Schwächen und Ängste. Sie präsentiert die Größe und Kraft des Universums und führt uns vor, wie klein und verwundbar wir sind. Der Wechsel zwischen Tag und Nacht ist unaufhaltsam. Wir können den Prozess nicht steuern oder beeinflussen. Jede Nacht aufs Neue erleben wir, wie wenig Macht wir doch haben. Dann bleibt uns nur das Abwarten auf den nächsten Tag, das nächste Licht, den ersten Sonnenstrahl.

Ich versuche still zu bleiben und einfach abzuwarten, denn irgendwann muss es wieder hell werden und dann wird es wieder warm und schön...

Und obwohl die Nacht so kalt und dunkel seien kann, offenbart sie uns etwas Wunderbares, denn die Nacht hat viele Gesichter. Sie ist ruhig und schreckhaft, gespenstisch und geheimnisvoll, besinnlich und vertraut.

Mit dem Hereinbrechen der Dämmerung verschärfen sich die Sinne. Die kleinsten Geräusche werden auf ein Mal groß und laut. Jeder Tritt, jedes Rascheln, jeder Atemzug wird zu einer lauernden Gefahr. Ein vorbeihuschender Schatten, das Scheinwerferlicht eines Autos oder ein sich im Wind bewegender Baum werden zu schaurigen Gestalten, die die Dunkelheit beherrschen.


Wenn der Himmel Feuer fängt,
erwachen die Mysterien,
dann steht die Welt kurz still
schafft Raum für Übersinnliches
geschützt durch das Hereinbrechen der Nacht
macht sich so manches Wesen auf die jagt
und am Ende schwarz 
 
Um uns zu schützen gegen etwas, das übermächtig ist, rücken wir enger zusammen. Die Nacht zeigt uns, wo unsere Freunde sind, denn wir brauchen sie, um die Nacht zu überstehen. Um die Dunkelheit und Kälte der Nacht zu vertreiben, werden Geschichten erzählt. Wir reden und spielen und lachen und machen Lärm, um die Stille der Nacht zu durchbrechen. 
 

Lauschend und sich vorsichtig bewegend ziehen wir durch die Nacht. In diesen Momenten macht sie uns stark und unsichtbar. Sie schweißt uns zusammen und lässt die Geschichten kommen.

Und dann, wenn Ruhe in den Häusern eingekehrt ist und die Menschen sich versammeln, zeigt die Nacht ihre besinnliche Seite. Sie gibt uns Platz zum Träumen und Denken. Sie legt ihre Dunkelheit schützend über intime Momente. Sie schafft Raum und Zeit für Übersinnliches. Und nicht zu Letzt zeigt sie uns die Sterne, gibt Hoffnung und Zuversicht, denn nach der Nacht kommt ein neuer Tag.

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